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Erfahrungen und Eindrücke aus einem Land im Aufbruch Drucken E-Mail

Die Gruppe bestand aus dem Schulleiter Wilfried Kretschmer,  dem stellvertretenden Schulleiter Henning Rosahl, den Fachbereichbereichsleitern Fremdsprachen und Gesellschaft Hans Georg Henkel und Wilfried Kohrs, Günter Binsteiner vertrat als ehemaliger Fachbereichsleiter den Ganztagsbereich - für amerikanische Verhältnisse etwas ganz Exotisches. Alle Fünf sind Mitautoren des Buchs „Teamarbeit macht Schule“, das im nächsten Monat erscheinen wird.

Auf Einladung der Lynch School of Education des Boston College besuchte die Hildesheimer Delegation  zahlreiche Bildungseinrichtungen in Boston, der Hauptstadt des Bundesstaates Massachusetts. Das Spektrum reichte von Highschools über Führungsakademien bis hin zur Harvard Graduate School of Education. Mit dabei auch Professor Dr. Karl-Heinz Arnold,  Lehrstuhlinhaber für Schulpädagogik der Universität Hildesheim. Die Gruppe wurde begleitet von Dr. Roman Rösch, Programmleiter Deutscher Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung.

 

Am Anfang dieses transatlantischen Erfahrungsaustausches über die Himmelfahrtstage stand ein Besuch der Match Charter Highschool in Boston. Diese Schule mit den Jahrgängen 9, 10, 11 und 12 ist eine besonders ausgezeichnete Schule mit einem speziellen Programm. Neben der Vermittlung von Fachwissen für die Abschlusstests in Mathematik, Englisch, Naturwissenschaften und Geschichte – ausschließlich in diesen vier Fächern sollen die Schüler auf College-Niveau gebracht werden - geht es in dieser Schule insbesondere um eine intensive Betreuung der Schüler durch ein ausgeklügeltes Tutorensystem. 45 Tutoren helfen den insgesamt circa 220 Schülern bei der Arbeit. Dazu wohnen die Tutoren – es handelt sich um Lehramtsstudenten mit dem Bachelor-Abschluss – für ein Jahr im dazu ausgebauten Obergeschoss der Schule und sind somit „rund um die Uhr“ für ihre Schüler zu erreichen. Die Tutoren erhalten dafür ein kleines Gehalt, das muss immer wieder neu von Sponsoren besorgt werden.

Eine intensive Begegnung zwischen den Pädagogen gab es dann auch in der Lynch School of Education. In dieser universitären Einrichtung werden die angehenden Lehrer für die High Schools ausgebildet.

 

Der Dekan Professor Joseph O´Keefe, ein irischstämmiger Jesuit, informierte die Besucher zunächst über die Geschichte wie den aktuellen Bildungsauftrag dieser altehrwürdigen Institution. Dem schlossen sich dann Vorträge von  Dr. Roman Rösch von der Robert-Bosch-Stiftung aus Stuttgart und von Professor Dr. Karl-Heinz Arnold von der Universität Hildesheim an. Roman Rösch erläuterte in seinem Vortrag unter anderem die Idee der Bosch-Stiftung über einen jährlichen deutschen Schulpreis zur Entwicklung und Verbesserung der deutschen Bildungslandschaft beizutragen. Karl-Heinz Arnold wiederum präsentierte einen auch historisch unterfütterten Aufriss zur Geschichte der Didaktik. Immer wieder geht es um die Beantwortung der Frage, welche Fertigkeiten und Kompetenzen möglichst gut von den Schülern erworben werden sollen, wie wirkt das in die Vorbereitung und Durchführung von Unterricht hinein und welche Kraft lässt sich aus der Zusammenarbeit der Instanzen Elternhaus, Schule und Lehrkraft gewinnen.

 

Die Hildesheimer Delegation unter der Leitung ihres Schulleiters Wilfried Kretschmer berichtete den Professoren und Doktoranden auch über das Konzept und die Arbeit der Hildesheimer integrierten Gesamtschule. In einer Präsentation über die wesentlichen Veränderungen der Organisation schulischen Arbeitens berichteten Hans Georg Henkel und Wilfried Kohrs über den Weg der Robert-Bosch-Gesamtschule hin zu einem Masterplan, mit dem Veränderungen in den Bereichen Schulcurriculum, Verbesserung und Systematisierung des Unterrichts in Bezug auf Leitbild und Schulprofil, sowie Verbesserung bei der Qualität des konkret durchgeführten Unterrichts erreicht werden sollten – und dann schließlich auch wurden.

 

Hierbei war es zunächst geboten, den amerikanischen Kolleginnen und Kollegen die Begriffe 'Klasse' und 'Klassenlehrer' zu erläutern, da diese deutsche Errungenschaft US-amerikanischen Lehrern fremd ist. Soziale Betreuung der Schüler findet in den USA – wenn überhaupt – nur durch Studenten oder andere Hilfskräfte statt. Auch die 'Jahrgangs-Teams' der Robert-Bosch-Gesamtschule – diese sind allerdings auch deutschen Kollegien weitgehend noch unbekannt – mussten zunächst skizziert werden. Nach dieser Einführung stellten die Kollegen zunächst die Entwicklung von Jahresplänen dar – ein Instrument, das didaktisches und pädagogisches Handeln innerhalb eines ganzen Schuljahrgangs verlässlich planen und koordinieren hilft.

 

Noch konkreter wurden die Vorzüge der Teamarbeit in Fach und Jahrgang bei der Darstellung des Ziels der Verbesserung der Unterrichtsqualität, die Entwicklung hin zu freiwilligen Hospitationsringen, die mittlerweile von weiten Teilen des Kollegiums als ein Instrument zur Verbesserung ihrer eigenen Unterrichtsplanung und -durchführung wahrgenommen werden.

In diesen konkreten Formen von Teamarbeit sahen die US-Kollegen eine Herausforderung, der sie sich einerseits gerne stellen würden, die sie sich aber aus ihrer Praxis noch kaum vorstellen konnten.

 

Einer der Höhepunkte der Dienstreise nach Amerika war der Besuch in der Harvard Graduate School of Education. Die Professorin Janice Jackson berichtete zunächst über ein von ihr im Auftrag der Stadt Boston entwickeltes Programm zur Verbesserung des Bildungswesens. Dieses Programm beruht im Wesentlichen auf den Daten der jährlich stattfindenden zentralen Leistungstests. Mit selbstentwickelten Unterstützungssystemen werden Schulen und einzelne Lehrkräfte, die die Zielvorgaben verfehlt haben, in ihren Verbesserungsbemühungen unterstützt; stellen sich hier jedoch keine Erfolge ein, greifen rigorose Steuerungsmaßnahmen, die von der Entlassung einzelner Lehrkräfte bis zur Schließung ganzer Schulen führen können. „Dies“, so der stellvertretende Schulleiter der Robert-Bosch-Gesamtschule Hennig Rosahl, „sei eine für deutsche Lehrer sehr ungewöhnliche Situation“. Mit der Entwicklung eines neuen Schulmanagementtyps in den Pilot-Schools wurden immer neue, konstruktive Ansätze in das Schulwesen des Distrikts Boston eingebracht.

Harvard-Professorin Janice Jackson präsentierte sich bei ihrem Vortrag und in der anschließenden konstruktiven Diskussion als eine beeindruckende Persönlichkeit, die ihre Schulentwicklungs-aufgabe zupackend, energisch und phantasievoll angegangen ist. Und dies mit einer Vehemenz, so die Bewertung der Hildesheimer Delegation, die für deutsche Verhältnisse recht ungewöhnlich sei.

 

Zu einer interessanten Diskussion kam es dann in der Boston Community Leadership Academy (BCLA). In dieser High School werden die Schülerinnen und Schüler nicht notwendigerweise in Altersgruppen gegliedert. Je nach Herkunft, Migrationshintergrund oder auf andere Weise entstandenen Lerndefiziten werden Schüler aus dem ‚regulären Unterricht‘ ausgegliedert und in ihrem aktuellen Vermögen angemessenen Gruppen unterrichtet; hierbei können schon einmal 14-jährige neben 18-jährigen im gleichen Unterricht sitzen. Wenn die Lehrkräfte den Eindruck haben, die Schüler seien hinreichend gefördert worden, um erfolgreich in den ‚normalen‘ Kursen mitzuarbeiten, werden sie dorthin neu eingruppiert.  Die BCLA hat sich dieser besonderen Form der Förderung gewidmet, da sie Schüler mit mehr als 40 Muttersprachen unterrichten und hier den besonderen Förderbedarf richtig erkannten. Es treibt die Lehrer jedoch auch der Wunsch all diesen jungen Menschen – irgendwann – die Chance auf ein College-Studium zu ermöglichen. Bei allem beachtenswerten Engagement der Lehrer fiel jedoch auf, dass sie meist auf Testergebnisse ausgerichtete ‚Einzelkämpfer‘ sind, die eine Vergleichbarkeit ihrer Ergebnisse wie auch eine gemeinsame Planung, Durchführung und Reflektion ihres Unterrichts vermissten – so wie sie in der Robert-Bosch-Gesamtschule mit ihren Jahresplänen und Hospitationsringen erfolgt. Dies wurde in einer intensiven, offenen und freundlichen Gesprächsrunde mit den Englischlehrern der Schule deutlich. Man wünschte sich darüber hinaus auch die Offenheit und Freiheit mit Teams Neuerungen planen und durchführen zu können, eine Kontinuität zu schaffen, wie dies an der Hildesheimer Preisträgerschule gegeben ist. An den High Schools der USA bremsen jedoch noch strenge Hierarchien und teils visionäre, aber doch auch stark bestimmende Principals (Schulleiter) diesen Prozess. Dazu, so einer der US-Kollegen müsse erst Vertrauen wachsen, was angesichts der kurzen Verweildauer der Lehrer an einer Schule von nur wenigen Jahren nicht so leicht möglich ist.

 

Den Abschluss des umfassenden Programms in der Hauptstadt von Massachusetts bildete eine Gesprächsrunde mit Dozenten und dem Direktor des Boston Teacher Residency Programs. Während sich in Deutschland bei der sogenannten zweistufigen Lehrerausbildung in der Regel an ein universitäres Studium ein praxisbezogenes Referendariat anschließt, ist der amerikanische Lehrerberuf davon gekennzeichnet, dass im Prinzip jeder auch ohne irgendeinen Abschluss Lehrer werden könnte. Die Entscheidung trifft die Schule -  und die ist dabei völlig frei. Oft ist es allerdings so, dass nach einem theoriebezogenen Studiengang (der aber nichts mit dem Lehrerberuf zu tun haben muss) eine Einstellung in die Schulpraxis erfolgt. Beim Boston Teacher Residency Programm geht es um die Verbesserung der Professionalität dieser Berufseinsteiger. Interessant ist auch, dass es sich dabei um ein Programm des Districts Boston, also der Stadt und nicht des Staates Massachusetts handelt. In einem einjährigen Schulungskurs werden dabei die jungen Lehrer methodisch und didaktisch auf ihren Beruf vorbereitet. Mit der Teilnahme verpflichten sie sich für drei Jahre an einer Bostoner Schule zu arbeiten. Dies ist für die USA ein völlig neues Programm. Dahinter steht sowohl die Absicht, die immens hohe Aussteigerquote von bis zu 50 Prozent bei Junglehrern innerhalb der ersten drei Jahre zu reduzieren, als auch für Verlässlichkeit und Kontinuität in den Schulen Bostons zu sorgen: “Boston Teacher Residency, where we lift up a city from inside the classroom”.

 

Für die deutsche Delegation boten die drei Tage in Boston tiefe Einblicke in eine „zunächst ganz anders erscheinende Bildungslandschaft“ (Wilfried Kretschmer). Deutlich wurde dann aber recht schnell, dass es in beiden Systemen diesseits und jenseits des Atlantiks in erster Linie um Antworten auf die Frage geht, in welcher Weise die Schule neben einer guten Ausbildung ebenfalls eine gute Erziehung gewährleisten soll.

„Von der Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule“, so Dennis Shirley bei der Verabschiedung, „können die amerikanischen Schulen viel erfahren und viel lernen“. Schon in seiner Einladung hatte Professor Shirley  von einem neuen Selbstbewusstsein gerade auch der Intellektuellen in den Vereinigten Staaten nach dem Ende der Bush-Ära geschrieben, von der Hoffnung, Zukunft mitgestalten zu können.

Am Ende unseres Besuchs sagte er, dass in dem großen Aufbruch, in dem er sein Land sieht, auch für die Reform des Bildungssystems gilt: ”Yes, we can!”