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„SPRACH-FLUSS“ – ein deutsch - afrikanisches Theaterprojekt Drucken E-Mail

Noch ganz überwältigt von vielen Begegnungen und schönen Erlebnissen, erfüllt von Erinnerungen und mit neuen Inspirationen, mit Teilnahmezertifikaten und zahlreichen neuen E-Mail-Adressen im Gepäck, kehrten wir - elf Schülerinnen, zwei Schüler und zwei Deutsch-Lehrerinnen der Robert-Bosch-Gesamtschule - nach Hildesheim zurück. Gemeinsam mit achtzehn afrikanischen Jugendlichen aus dreizehn Staaten der Region Subsahara-Afrika und fünf ihrer Deutsch-LehrerInnen hatten wir vom 11.09. bis 19.09.2009 an einem deutsch-afrikanischen Begegnungsworkshop in Bollmannsruh/ Brandenburg teilgenommen.

Angeleitet wurde dieser von drei TheaterpädagogInnen der Universität Hildesheim und der Initiatorin und Koordinatorin des Projekts „SPRACH-FLUSS“ Dr. Edda Holl vom Goethe-Institut Johannesburg (ebenfalls Absolventin der Universität Hildesheim). Unsere Arbeitsergebnisse präsentierten wir schließlich am 18. September in einer Theateraufführung in der Akademie der Künste in Berlin im Rahmen des internationalen Kongresses „Sprachen ohne Grenzen“, der vom Goethe-Institut veranstaltet wurde.

Begleitet wurden all unsere Aktivitäten von dem Filmteam um die Video-Künstlerin und Dokumentarfilmerin Anke Schäfer (Regie, Kamera): Karin Jurschik (Kamera, dramaturgische Beratung) und Shinya Kitamura (Ton).


Das Filmteam hat unseren Workshop begleitet.  V.l.: Shinya Kitamura (Ton), Karin Jurschik (Kamera),
Anke Schäfer (Regie, Kamera)


Im Frühjahr diese Jahres war die Anfrage an den Fachbereich Deutsch gerichtet worden, ob wir uns – als einzige deutsche Schule - an dem interkulturellen Projekt „SPRACH-FLUSS“ beteiligen wollten. Bald darauf war die Kooperation zwischen der Robert-Bosch-Gesamtschule, dem Goethe-Institut und der Universität Hildesheim beschlossene Sache.

Gruppenfoto vor dem Brandenburger Tor

Unserem deutsch-afrikanischen Theaterworkshop waren seit September 2008 Workshops in fünf afrikanischen Staaten mit Deutsch-SchülerInnen und -LehrerInnen aus neunzehn Nationen vorausgegangen, die im Mai 2009 in einem pan-afrikanischen Begegnungs–Workshop in Johannesburg/ Südafrika mündeten.

In den Sommerferien (vom 30.06. bis 04.07.2009) fand dann schließlich ein vorbereitender Workshop für die SchülerInnen und Lehrerinnen der Robert-Bosch-Gesamtschule in in den Räumen der Universität Hildesheim (Eishalle, Domäne Marienburg) statt. Hier zeigten die SchülerInnen am 04.07.09 in einer Präsentation einem begeisterten Publikum ihr Können.

Auch diese Workshops waren von Edda Holl und Theaterpädagogen aus Hildesheim angeleitet und von Anke Schäfer filmisch dokumentiert worden.

Berlin, im Hintergrund (zwischen Brandenburger Tor und Hotel Adlon): Die Akademie der Künste, unser Spielort


Zu den Zielen des Projekts SPRACH-FLUSS

Das Konzept des Projekts Sprachfluss wurde von Edda Holl und Anke Schäfer erarbeitet, die hier zu Wort kommen sollen:

„Ziel/Vorhaben

Zur Vernetzung der Partnerschulen reisen von August 2008 bis September 2009 Theaterpädagogen aus Hildesheim durch Subsahara-Afrika , um mit 14-18 jährigen Deutschschülern und deren Lehrern aus unterschiedlichsten Partnerschule fünf jeweils einwöchige Theaterworkshops abzuhalten. Körper- und Stimmtraining sowie die Theaterübungen werden auf deutsch angeleitet, wobei zu deutschen und afrikanischen Märchenstoffen erzählt, gemalt, gesungen, improvisiert, getextet – und zwar auf so vielen Sprachen wie möglich.

Innerhalb dieser ästhetischen Praxis sind - im Sinne eines erweiterten Bildungsbegriffs - die starren Rollen von „Lehrer und Schüler“ aufgehoben. Entgegen dem - in Afrika oftmals noch üblichen - Frontalunterricht erforschen hier die Jugendlichen gemeinsam neue Ausdrucksmittel und entdecken beim improvisieren die eigene Lebenswelt neu.

Dieser Kommunikationsprozess über Sprach- und Landesgrenzen hinweg, regt unter den Spielern einen oftmals sehr persönlichen Austausch über ihre jeweiligen Lebensumstände, Befindlichkeiten und Vorlieben an. Die kollektive Theaterarbeit bringt das Fließen von Mitteilungen in verschiedenen (Körper-) Sprachen zwischen allen Beteiligten in Gang. Daher auch der Titel: Sprachfluss.

Die Lehrer erleben diese Theaterarbeit als Multiplikatoren und haben die Möglichkeit, sich mit deutschen Kollegen über Theater als Unterrichtsprinzip und mehrsprachige Klassensituationen auszutauschen.

Die Video- und Performancekünstlerin Anke Schäfer begleitet und dokumentiert alle diese Workshop-Prozesse und erstellt dazu eine Videoarbeit. Ein Workshoptag wird darüber hinaus jeweils für die Arbeit vor der Kamera reserviert: Interaktionen, die sich im Workshop ereignet haben, werden hier in kleine filmische Szenen umgesetzt. In diesem Inszenierungsprozess, werden mittels der Wiederholung tieferliegende Vorgänge den Jugendlichen, Lehrern und Theaterpädagogen ins Bewusstsein gerufen – und damit reflektierbar.

Das Videomaterial ist ein zusätzlich vernetzendes Moment, da es erstens zu Improvisationen genutzt wird, so dass auch die afrikanischen Schüler, die nicht nach Deutschland reisen können, in die Endproduktion eingebunden sind. Zweitens gelangt das Video über die Lehrer und Schüler wieder zu den Partnerschulen, wo das Theaterprojekt vorgestellt und weitergetragen werden soll.

Ergebnisse dieser interkontinentalen ästhetischen Praxis und das Video werden in eine Präsentation auf der Abschlussveranstaltung von „Sprachen ohne Grenzen“ im September 2009 vorgestellt.“ (Edda Holl/ Anke Schäfer)


Generalprobe, Akademie der Künste (Berlin)

Unser Begegnungsworkshop in Brandenburg/ Berlin

Auf der Reise nach Bollmannsruh/ Brandenburg sahen unsere SchülerInnen der Begegnung mit den gleichaltrigen Jugendlichen (14-18 J.) aus Afrika mit gemischten Gefühlen entgegen. In Hildesheim hatten wir u.a. schon einen Film der Aufführung in Johannesburg und gesehen, „kannten“ also die afrikanischen TeilnehmerInnen. In die Vorfreude mischten sich Bedenken: Würde die Verständigung klappen, obwohl die Unterrichtssprache Deutsch sein sollte? Müssten sie in der Freizeit doch Englisch oder Französisch sprechen?


Afrikanischer Abend in Bollmannsruh/ Brandenburg

Alle Ängste waren aber schnell verflogen, als wir von einer Gruppe von SchülerInnen und LehrerInnen, die bereits vor uns angereist waren, besonders herzlich und auf Deutsch begrüßt wurden.

Die Zeit bis zum offiziellen Workshop-Beginn verbrachten die Jugendlichen mit gemeinsamen Ballspielen und kamen sich hier schon näher.

Im Workshop konnten sie dann feststellen, dass sie bereits über gemeinsame Ausdrucksmittel verfügten, die sie in den vorbereitenden Kursen erworben hatten. Diese verbalen und körpersprachlichen Kommunikationsformen wurden im Laufe der nächsten Tage unter theaterpädagogischer Anleitung vertieft, erweitert und präzisiert. Einzelne Bausteine und kleine, von den SchülerInnen erarbeitete, improvisierte Szenen fügten sich schließlich zu einer fünfundvierzigminütigen Theaterproduktion, die in Berlin präsentiert wurde.


Jeder Tag beginnt mit der „Frage des Tages“

Für uns LehrerInnen war es erstaunlich zu beobachten und auch selbst zu erfahren, dass das erarbeitete „Handwerkszeug“ tatsächlich zu einer vertiefenden Kommunikation aller TeilnehmerInnen beitrug und die große Gruppe – es waren immerhin einundreißig SchülerInnen und sieben LehrerInnen – schnell zusammenwuchs. In der gemeinsamen intensiven Arbeit (täglich 7-8 Stunden) wuchs das Verständnis für einander, wurden Hemmungen überwunden und Freundschaften geschlossen. Dies kam auch in unserer Abschiedsrunde zum Ausdruck, in der die TeilnehmerInnen Gelegenheit hatten ihre Erfahrungen selbst zu reflektieren.

Die ständig begleitende Kamera wurde kaum noch wahrgenommen. Gehörte doch bereits in den vorbereitenden Workshops „Kameraarbeit“ zum Programm.


Das afrikanisch-deutsche LehrerInnen-Team

Neben der Arbeit in Bollmannsruh standen aber auch zwei Ausflüge nach Berlin auf dem Programm:

Am 15.09. besichtigten wir gemeinsam den Reichstag, danach unseren Spielort in der Akademie der Künste, bevor dann U-Bahn Fahren und anschließend „Shopping“ am Potsdamer Platz angesagt waren. Am Abend konnten wir schließlich an der Hauptprobe von „Das Herz der Finsternis“ (nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Conrad) im Deutschen Theater teilnehmen. Die Thematik - Kolonialismus im Kongo – war für uns alle interessant. In der Pause hatten wir Gelegenheit mit dem Autor und Dramaturgen John von Duffel über die Inszenierung zu diskutieren. Hier zeigte sich mit welch großer Aufmerksamkeit alle SchülerInnen die Aufführung verfolgt hatten.

Der 19.09.09 war dann der große Tag der (ausgesprochen gut gelungenen) Präsentation vor einem Internationalen Publikum in Berlin.

Übungen zur verbalen Kommunikation

 

Dokumentation und Multiplikation

Über die Arbeit in den SPRACH-FLUSS-Workshops wird ein Film von Anke Schäfer erscheinen, auf den wir alle schon sehr neugierig sind.

Daneben ist von Edda Holl und Anke Schäfer ein videogestütztes Handbuch mit Anleitungen der in den Kursen bewährten theaterpädagogischen Übungen zur Umsetzung im Unterricht in Vorbereitung, das wiederum den Partnerschulen zur Verfügung gestellt werden soll.


Körpersprache

Alle Teilnehmenden LehrerInnen wurden zudem als MultiplikatorInnen ausgebildet.

Dieses Projekt verdient es weitergetragen zu werden, sodass möglichst viele Schüler- und LehrerInnen davon profitieren können.

Marion Queck-Boetzkes

Beantworten der „Frage des Tages“

Links: pasch-net;

Goetheinstitut Johannesburg