„Klimazeugen“ besuchen unsere Schule
„Es ist drei Minuten vor zwölf“, antwortete der deutsche Umweltminister Röttgen auf die Frage eines Journalisten, wie es denn um das Weltklima stehe, kurz bevor er sich auf den Weg zur Weltklimakonferenz nach Kopenhagen aufmachte.
Am Tag der Abschlusskonferenz in Kopenhagen, am 18.12.09, klärten „Klimazeugen“ aus Grönland, Sibirien und Lappland vor SchülerInnen des 10. Jahrgangs über Folgen des Klimawandels auf.
Anastasia Pavlovna Tolzina, Angehörige der Chanty, einem Rentiernomadenvolk in Nordwestsibirien, Jon Isaak Lyngman Gaelok, Sami aus Nordschweden, Mitglied im nationalen Vorstand der Samischen Jugendorganisation Saminourra, traditioneller samischer Sänger und Michael Cortzen, Inuit aus Grönland waren die Referenten. Sie verbringen auf Einladung des Jugendumweltbüros Hannover ein Freiwilligenjahr in Niedersachsen und tragen mit dazu bei, Umweltprojekte zu unterstützen.
Zunächst ging jeweils ein Referent in eine Klasse. Die Neugierde war schnell geweckt. So war der 23-jährige Same in die traditionelle Landestracht geschlüpft, hatte ein Lasso mitgebracht, ein wichtiges Arbeitsutensil der samischen Rentierzüchter und viele Bilder, die einen Einblick in das Leben der Sampi gaben. Ein erstes Bild zeigte eine Gruppe von über 100 Menschen. Das sei seine Familie, kommentierte Jon. Ungläubiges Erstaunen bei den Schülern. Ja, die Samen haben einen anderen Familienbegriff als wir hier. Zu einer Familie gehören auch die Cousins und Cousinen und ihre Familien. Alle unterstützen und helfen sich untereinander.
Die Samen leben in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Diese Gruppe der Ureinwohner umfasst ca. 100000 Personen, sie haben in den jeweiligen Ländern unterschiedliche politische Rechte und Vertretungen. Traditionell leben sie von der Rentierzucht. Die Kunst, mit dem Lasso ein Tier einzufangen, gehört nach wie vor zu den Arbeiten, die ein Rentierzüchter beherrschen muss. Die SchülerInnen hatten auf dem Flur die Gelegenheit, den Lassowurf auszuprobieren. Ohne Üben von Kindheit an klappt es aber nicht, so viel konnte jeder sofort nach einigen Würfen feststellen.
Ruhig wird es im Raum, als Jon ein traditionelles Joik - Lied anstimmt, das den Wolf charakterisieren soll. Zunächst wissen die SchülerInnen nicht, wie sie sich verhalten sollen, als Jon dabei knurrt, jault und auf dem Boden kniet, dann aber spenden sie begeistert Applaus.
Jon zeigt Bilder von der schönen weiten Landschaft Norwegens und von dem Leben der Rentierzüchter. Er erzählt auch, dass die Rentiere, die sich von Flechten ernähren, verhungern müssten, wenn es im großen Stil zur Erwärmung im Norden käme. Dann nämlich würde im Winter der geschmolzene Schnee zu Eis werden und die Tiere kämen nicht mehr an ihre Nahrung.
Am Ende dieser ersten Einheit des Projekttages war jedem klar geworden: Klimawandel bedeutet auch Kulturwandel.
Dann gingen alle Klassen in die Aula, um sich zunächst folgenden Fragen zu widmen:
Wie wird die Erwärmung der Erdatmosphäre eigentlich verursacht? Wer auf der Welt trägt zu welchem Anteil zur Klimaerwärmung bei? Welche Folgen sind in Deutschland und anderen Teilen der Welt zu erwarten?
Herr Riemann vom Jugendumweltbüro Hannover machte eindrucksvoll mit Hilfe einer Power – Point - Präsentation die Fakten deutlich.
Der Ausstoß von Abgasen aus Industrie, Landwirtschaft und Verkehr und von jeder Privatperson verursacht ist die Hauptursache für den Klimawandel. Folglich sind auch die Industrieländer bzw. die Schwellenländer an erster Stelle zu nennen, wenn von den Verursachern die Rede ist. Absolut gesehen sind die USA, China und die EU die Länder mit dem größten Ausstoß an Kohlendioxid. Als Folge der Erderwärmung werden Teile der Eismassen der Arktis schmelzen und der Meeresspiegel wird steigen, so dass z.B. die Inselnwelt der Malediven untergehen wird. Aber auch die Niederlande werden überflutet, wenn die Deiche nicht erheblich erhöht werden. Insgesamt gesehen werden die Folgekosten einer Erderwärmung um ein Vielfaches höher sein als die Kosten, die nötig wären, um den Ausstoß an Kohlendioxid zu senken.
Erstaunt haben die SchülerInnen vernommen, dass bei der Produktion bis zum Verkauf von einem Kilogramm Rindfleisch 6500 g Kohlendioxid entstehen, aber bei der Produktion von einem Kilogramm Gemüse nur 150 g.
Hier ist sicher ein Ansatz zu finden, wenn man überlegt, was jeder einzelne dazu beitragen kann, den Klimawandel zu beeinflussen. Jeder kann sein Verhalten im Verkehr, im Essverhalten und im Umgang mit den Ressourcen überprüfen und entsprechend handeln.
Die Klimakonferenz in Kopenhagen hat gezeigt, wie schwer eine internationale Einigung ist.
Die Delegierten haben lediglich das Minimalziel, nämlich die Erderwärmung nicht über zwei Grad in den nächsten 50 Jahren steigen zu lassen, zur Kenntnis genommen. Führende deutsche Politiker wie der Umweltminister Röttgen sprechen vollkommen entgegen aller diplomatischen Gewohnheiten vom Scheitern des Gipfels und geben den USA und China eindeutig die Schuld an dem Scheitern. Es ist zwei Minuten vor zwölf.
Konrad Homeister, Jahrgangsleiter 10





