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Neue Straßennamen für Hildesheim Drucken E-Mail

 

Liebe Schulöffentlichkeit,

 

die Beth-Shalom AG hat sich mit einer Schülerarbeit an einem Wettbewerb der SPD Hildesheim beteiligt und einen hervorragenden 2. Platz belegt. Herzlichen Glückwunsch.

Der Wettbewerb rief auf, sich über problematische / belastete (z.B. auch die Richt-hofenstr... ?) Straßennamen in Hildesheim Gedanken zu machen und möglicherweise geeignetere Persönlichkeiten vorzuschlagen. Die Arbeit ist auf unserer Homepage hinterlegt und kann eingesehen werden.

 

Matthias Reisener

Die Bilder der Preisverleiung

Der eingereichte Beitrag der AG

Sehr geehrte Damen und Herrn der SPD-Ratsfraktion der Stadt Hildesheim,

 

mit der hier vorliegenden Arbeit möchten wir uns an Ihrem Schülerwettbewerb „Straßennamen in Hildesheim“ beteiligen. Wir haben unseren Fokus auf den Teilbereich „Geeignete Personen für Straßennamen“ gelegt. Unserer Meinung nach haben wir zwei sehr geeignete Hildesheimer Bürger gefunden, denen die Ehre eines Straßennamens in Hildesheim zustehen würde. Wir würden uns freuen, wenn Sie sich diesen Vorschlägen anschließen könnten.

 

1. Kurzvorstellung der AG Beth-Shalom der Robert-Bosch-Gesamtschule

 

Wir, das ist die Arbeitsgemeinschaft Beth-Shalom der RGB. Mit 30 Jahren ist diese AG die am längsten bestehende AG der Schule. Unsere Beschäftigung mit dem jüdischen Leben in Hildesheim und der Instandhaltung des jüdischen Friedhofs in der Peiner Straße führte uns nah an die persönlichen Schicksale jüdischer Bürger in Hildesheim heran. Dies ist auch der Grund, weshalb wir Ihnen zwei Vorschläge zu jüdischen Hildesheimern unterbreiten möchten. (s. Anhang 1)

 

1.1 Wen schlagen wir vor

 

Wir möchten Siegfried Gross und David Meier als Namensgeber für Hildesheimer Straßen vorschlagen.

In den folgenden Ausführungen gehen wir zunächst auf Siegfried Gross ein. Dabei stützen wir uns auf die Arbeit „Siegfried Gross, der erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Hildesheim. Die Geschichte seines Lebens und der Jüdischen Gemeinde nach 1945“ von Dr. Hartmut Häger, erschienen im Hildesheimer Jahrbuch Band 82 von 2010. Es liegt ein Sonderdruck dieser Arbeit des Gerstenberg Verlages vor. Der Aufsatz diente Herrn Dr. Häger als Grundlage zu einem Vortrag am Holocaust Gedenktags am 27.01.2011 im Hildesheimer Rathaus. An dieser Veranstaltung nahm auch die AG Beth-Shalom mit einem Beitrag teil (s. Anhang).

 

Für unseren zweiten Vorschlag, David Meier haben wir als Quelle die CD „Gräberverzeichnis des jüdischen Friedhofs“ der AG Beth-Shalom herangezogen. Möglicherweise wird über das Stadtarchiv Hildesheim oder andere Quellen noch weiteres über David Meier herauszufinden sein.

 

 

 

2. Vorschläge

 

2.1 Siegfried Gross

 

Siegfried Gross wurde am 09.11.1899 in Krenau in Ost-Oberschlesien geboren. Seine Eltern Hirsch und Chaika Gross waren Kaufleute. Auch Siegfried wurde Kaufmann. Im Jahr 1923 ging er als Generalvertreter für Schlesien nach Berlin zur Likör-Fabik F.W. Manegold.

 

Siegfried Gross´ Leben führte ihn drei Mal nach Hildesheim. Das erste Mal kam er 1923 nach Hildesheim, als er hier seine erste Frau Frieda in der damals noch existierenden Synagoge am Lappenberg rituell heiratete, das war am 31.07.1923. Aus der Verbindung zwischen Siegfried und Frieda Gross ging der Sohn Fritz, geboren am 27.07.1924, hervor. Seine Frau wurde am 05.10.1944 in Auschwitz in einer Gaskammer ermordet.

 

Das zweite Mal kam er am 02.03.1945 zusammen mit seinem Sohn Fritz, im Rahmen einer Aufräumaktion aus Bergen-Belsen, nach Hildesheim. Vorher wurde er mit ca. 800 Mithäftlingen aus dem KZ Flössenburg in offenen Güterwagons nach Bergen-Belsen verlegt. Dort kamen sie am 01.03.1945 an. Da die Zustände in Bergen-Belsen fürchterlich gewesen waren, meldeten sich Siegfried und Fritz „freiwillig“ zu einem Arbeitskommando. Dieses Arbeitskommando führte die beiden mit ca. 500 anderen Häftlingen nach Hildesheim. Das dortige Reichsbahnbetriebsamt hatte die Häftlinge angefordert, um die Trümmer des Güterbahnhofs, der bei einem Bombenangriff vom 22.02.1945 zerstört worden war, zu beseitigen. In den 28 Tagen in Hildesheim musste er die Demütigungen seitens der Wärter, aber auch der Hildesheimer Stadtbevölkerung ertragen.

 

Durch die Strapazen während der Arbeiten, weitere Bombenangriffe und dem Gewaltmarsch zurück nach Bergen-Belsen starben 200 bis 250 von den ehemals 500 Häftlingen. Neun dieser Toten liegen auf dem jüdischen Friedhof in der Peiner Straße in den anonymen Gräbern eines Mahnmals, das von Siegfried Gross nach der Nationalsozialistischen Terrorherrschaft gestiftet wurde. Das Mahnmal der neun Unbekannten wurde am 14.09.1947, dem Gedenktag der Opfer des Nazismus, feierlich enthüllt. (s. Anhang 2)

Trotz seiner schlimmen Zeit in Hildesheim im März 45 war Siegfried Gross kurz nach dem Krieg nach Hildesheim zurückgekehrt, da er hoffte, hier seine Frau Frieda wieder zu sehen. Er wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie bereits 1944 umgekommen war. In Hildesheim gründete er noch im gleichen Jahr die jüdische Gemeinde neu und übernahm ab dem 21.12.1945 den Vorstand eben dieser. Viele Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinde der Überlebenden wanderten in den folgenden Jahren aus Deutschland aus, bis sie 1956 nur noch aus 17 Gläubigen bestand. Seine Tätigkeit als Vorstand gab Siegfried Gross am 19.11.1959 auf, als er mit seiner zweiten Frau Bronka nach Bad Nauheim umzog.

 

Siegfried Gross starb am 24.3.1977 in Wiesbaden-Klarenthal.

 

 

 

 

2.2 David Meier:

 

David Meier hatte in Hildesheim der 30er Jahre eine koschere Schlachterei. Diese befand sich in der Braunschweiger Straße, Ecke Annenstraße. Er musste sein Geschäft 1935 aufgrund der Nürnberger Rassengesetze schließen. Im Jahr 1937 wurde David Meier auf dem Angoulême-Platz von vier Schlägern der SA attackiert und musste sich dort in die Deutsche Bank flüchten. Ein Angestellter riet ihm, durch den Hinterausgang zu flüchten. Als stolzer Hildesheimer Bürger verließ David Meyer jedoch die Bank durch den Vorderausgang, um bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Die Männer der SA ließen ihn vorerst ziehen. Später jedoch zeigten sie David Meier bei der Gestapo wegen ´“Dreistigkeit“ an.

David Meier wurde daraufhin verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Dort kam er am 03. April 1937 ums Leben. Leider liegen uns keine Dokumente vor, aus denen hervorgeht, wie er ums Leben kam. Seiner Witwe wurde die Urne mit seiner Asche zugesandt mit der Aufforderung die Kosten für Porto und Verbrennung dafür zu übernehmen.

David Meier kann somit als erstes jüdisches Todesopfer des Naziterrors aus Hildesheim angesehen werden. Damit hat er für Hildesheim eine besondere Bedeutung und deshalb erachten wir ihn als würdig, dass eine Hildesheimer Straße zukünftig seinen Namen trägt..

 

3. Schlussbemerkung

 

Wir hoffen, dass wir Sie mit dieser kleinen Ausführung über Siegfried Gross und David Meier überzeugen konnten, über eine Umbenennung von Hildesheimer Straßen zu Gunsten dieser beiden Hildesheimer würden wir uns freuen.

 

 

Die AG Beth-Shalom der Robert-Bosch-Gesamtschule

 

Jean-Pierre Rossingoll

Noa-Lin Noeske

Rohland Mohr

Kristian Schober

Philipp Steevens

Matthias Reisener

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellenangaben:

Hartmut Häger, Siegfried Gross, der erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Hildesheim. Die Geschichte seines Lebens und der Jüdischen Gemeinde nach 1945, Ín: Hildesheimer Jahrbuch, Band 82, 2010, S. 127-178.

AG Beth-Shalom, CD Gräberverzeichnisse.

Anlagen:

  1. Kurzvorstellung AG Beth-Shalom

  2. Vortrag der AG zum Holocaust Gedenktag 27.01.2011 Rathaus Hildesheim

  3. Fotos vom jüdischen Friedhof Peiner Straße 1. Mahnmal der 9 Unbekannten -von Siegfried Gross gestiftet und 2. Grabstein David Meier (Fotos von Reisener)

Anhang 1

Die Beth Shalom AG der Robert-Bosch-Gesamtschule

Die Beth Shalom AG der Robert-Bosch-Gesamtschule feiert in diesem Jahr bereits ihr 30 jähriges Bestehen. Damit ist sie die am längsten bestehende, kontinuierlich arbeitende AG an unserer Schule. Im Folgenden wollen wir Ihnen einige Eckpunkte der AG Arbeit an der ROBERT-BOSCH-GESAMTSCHULE vorstellen.

 

Im Jahr 1981 trat die RBG mit einer Schule in Haifa in einen Schüleraustausch. Als die israelischen Schülerinnen und Schüler im August zum Gegenbesuch nach Hildesheim kamen, stießen sie auf den damals in Vergessenheit geratenen jüdischen Friedhof, der in unmittelbarer Schulnähe liegt. Der Zustand des Friedhofs und der Kapelle war beklagenswert. Was aber noch schlimmer war, niemand konnte den Gästen aus Israel erklären, was die Geschichte dieses Ortes war. Das quälte den Oberstudienrat Hans-Jürgen Hahn so sehr, dass er noch im gleichen Jahr die AG „Jüdische Kapelle“ mit interessierten Schülerinnen und Schülern gründete.

„Das Totenhaus soll kein totes Haus bleiben…“ : so lautete das Motto der ersten AG Generation.

Man begann die Kapelle wieder instand zu setzten, das Gelände aufzuräumen und die Gräber zu pflegen. Es war ein großer Kraftakt. Ein langer Kraftakt. Doch die zweite AG Generation erlebte am 21.09.1986 nach fünfjährigem Engagement die feierliche Einweihung der wieder hergestellten Kapelle. Von den Instandsetzungskosten von 125.000 DM, wurden 15.000 DM durch Schüleraktionen beigesteuert.

Trotz zahlreicher Schändungen im gleichen Jahr, Unbekannte stahlen den Davidstern vom Dach der Kapelle, Steine wurden durch die Fester der Kapelle geworfen, die Außenwände und die Tür wurden mit antisemitischen Parolen und Hakenkreuzen beschmiert, ließen sich die Mitglieder der Beth Shalom AG nicht entmutigen. Sie reparierten die Schäden und hielten den Friedhof in Ehren.

 

In den folgenden Jahren lautete das Motto: „Bisher habt ihr aufgebaut, nun heißt es verwalten…“

Doch es wurde nicht nur verwaltet. Im Jahr 1987 wurde Lucie Rühle auf dem Friedhof nach jüdischem Ritus bestattet. Lucie Rühle hatte die NS-Zeit überlebt, weil sie mit einem SA Mann verheiratet gewesen war.

Im Jahr 1988 erlebte die AG die Enthüllung des Mahnmals am Lappenberg zum 50. Jahrestag des Gedenkens an die Reichspogromnacht. Seit dieser Zeit wird in Hildesheim an diesem Ort, an dem die Synagoge am 9.11.1938 zerstört wurde, den Opfern des Naziterrors gedacht.

Über die Jahre hinweg stellte die AG, besonders der AG Leiter Hans-Jürgen Hahn, Kontakte zu ehemaligen Hildesheimern jüdischen Glaubens und deren Nachkommen her, die aus Deutschland fliehen konnten, fliehen mussten. In Gesprächen und Briefen konnten viele Einzelheiten über das Leben der jüdischen Mitbürger in Hildesheim zusammengetragen werden.

1992 zeigte das Stadtmuseum, begleitend zu der von der AG angeregten Hundertjahrfeier der Kapelle, die Ausstellung: „Aspekte Jüdischen Lebens in Hildesheim“.

In den folgenden Jahren organisierte die AG Lesungen und leistete weiter Aufklärungsarbeit. 1994 begleitete die AG beispielsweise mit einer Ausstellung eine Reihe Theaterstücke wie z.B. „Ghetto“, „Anne Frank“, oder „Das Dorf“.

1995 organisierte die AG eine Gedenkfeier zu Ehren der KZ – Häftlinge mit anschließendem Gedenkmarsch an dem unter anderem 2 Zeitzeugen und der Oberbürgermeister teilnahmen.

 

Ein neues Motto im neuen Jahrtausend: „Erzählt von unseren Geschichten…“

Im Expo-Jahr 2000 begannen die AG Mitglieder mit Führungen von Besuchern der ROBERT-BOSCH-GESAMTSCHULE, damals EXPO-Schule, über den jüdischen Friedhof. Diese Führungen werden bis heute angeboten, bei Schüleraustauschen mit Polen und Russland, aber auch z.B. für den 6. Jahrgang, der sich mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus beschäftigt. So wird Geschichte und Geschehenes begreifbarer.

Inzwischen hatte Christian Augustin die Leitung der AG Beth Shalom übernommen. Unter seiner Obhut wurde von der AG 2003 eine CD-Rom mit einem vollständigen Gräberverzeichnis erstellt und auf der Cebit in Hannover vorgestellt.

Des Weiteren hat es sich die AG zur Aufgabe gemacht, die Schweigemärsche, die zum Anlass des 9. November seit dem Jahr 2000 organisiert werden, zu begleiten.

Die Alltagsarbeit der AG, der wir uns vornehmlich widmen, ist weiterhin die Pflege und Erhaltung der Gräber und des Geländes des jüdischen Friedhofs.

In den letzten Jahren wurden im Zuge der AG Projektwochen, Fahrten der AG- Mitglieder nach Berlin und Amsterdam durchgeführt. Vor Ort informierten wir uns über das dortige jüdische Leben, um einerseits neue Erkenntnisse zu gewinnen und andererseits Parallelen und Unterschiede zu erkennen.

Außerdem nahmen wir 2008 am Programm „Traces of the Past, Learning for the Future“ in Warschau teil, wo wir mit Schülern und Studenten aus Tschechien, Polen, Litauen und Deutschland zusammen arbeiteten.

Für unsere kontinuierliche, ehrenamtliche Arbeit auf dem jüdischen Friedhof wurden wir im Juni 2009 von der jüdischen Gemeinde Hildesheims geehrt.

Im Jahr 2010 wurde uns der interne Schulpreis der RBG verliehen, der einmal im Jahr an besondere Projekte vergeben wird.

Dass unser Engagement überhaupt möglich ist, ist nicht selbstverständlich: der jüdische Friedhof hätte während der Zeit des Nationalsozialismus im so genannten „3. Reich“ zerstört werden können, oder aber er wäre nach der Zeit des Terrors in vollkommene Vergessenheit versunken.

So aber bleibt dieser jüdische Friedhof ein kulturelles Denkmal und ein Zeichen gegen das Vergessen und wir helfen gern dabei mit, dass

 

Anhang 2

 

Siegfried Gross´ 28 Tage in Hildesheim 1945

1. März 1945

Die Stadt weist dem Reichsbahnbetriebsamt den großen und kleinen Saal im ersten Stock der Stadthalle, Neue Straße 21, mit sofortiger Wirkung für die Unterbringung von 500 Konzentrationslagerhäftlingen zu. Das Betriebsamt hatte bei der SS ein Arbeitskommando angefordert, um den Güterbahnhof und die Hauptstrecke nach Dresden über Leipzig instand zu setzen, die durch den Bombenangriff am 22. Februar 1945 zerstört worden waren.

Sigurd Prinz, der Sohn des letzten Pächters Wilhelm Prinz, erinnert sich an einen Lastwagen, der am 1. März vor der Stadthalle hielt und Stroh anlieferte. In den nächsten Tagen seien in den Klubräumen des Erdgeschosses Feldbetten, Tische, Spinde und Öfen für die Wachmannschaft aufgestellt worden.

2. März 1945

Siegfried Gross kommt mit seinem Sohn Fritz und vermutlich 500 weiteren Mithäftlingen („Arbeitssklaven“) aus Bergen-Belsen mit einem Güterzug nach Hildesheim.

Fritz Gross findet es „kurios“, dass es ausgerechnet Hildesheim ist, wohin sie zu Aufräumarbeiten geschickt wurden. Denn in diesem Hildesheim heiratete sein Vater Siegfried am 31. Juli 1923 seine Frau Frieda in der zu der Zeit noch existierenden Synagoge.

In Feldbetten können sich die Häftlinge nicht legen. Jeder Häftling bekommt eine 30 Zentimeter dicke Schicht Stroh zum Schlafen. Nach den Torturen des Transports aus Polen über Bergen-Belsen nach Hildesheim finden die Gefangenen immerhin einen Ort mit Toiletten und Waschgelegenheiten vor. Ein für die Häftlinge lang ersehnter Luxus.

3. März 1945

Erneut fallen Bomben auf Hildesheim, auch auf das Bahngelände nördlich der Schützenallee. Dorthin, zum Güterbahnhof, schlurfen die 500 Gefangenen auf Holzschuhen über das Kopfsteinpflaster durch Hildesheim. Einige Augen- und Ohrenzeugen können sich noch heute an das Geräusch erinnern. Der zwölfstündige Arbeitseinsatz besteht aus Schwellentragen und Schienenlegen. Nach einem Bombenangriff verlängert sich der Arbeitstag, wenn brennende Waggons zu entladen sind.

Zur härtesten körperlichen Arbeit kommt die seelische Erniedrigung. Ein Zug des Volkssturms beaufsichtigt die Juden auf dem Weg zur Arbeit und während der Arbeit. NSDAP-Kreisleiter Karl Meyer forderte die etwa 40 bis 50 Männer in einer Rede auf, die Häftlinge mit Gewalt zur Arbeit zu zwingen. Angesichts der vorrückenden Front sei rücksichtsloses Vorgehen erforderlich, um Aufstände oder Plünderungen zu verhindern: „Machen Sie von Ihrer Schusswaffe Gebrauch!“

5. oder 6. März 1945

Es ereignet sich ein Vorfall, den Fritz Gross so schildert: „Ein Junge, ich weiß nicht, ob er 18 war, hatte aus einem ausgebombten Güterwagen eine Dose Erbsen mitgenommen, die sowieso nicht mehr genießbar war. Das hat ein Bewacher bemerkt und ihn bei dem Truppführer Albert Rosin gemeldet, und der hat dann einfach gesagt: „Wer plündert, wird erschossen!“ Er hat ihn auf einen Bombentrichterrand auf dem Bahnhofsgelände gestellt und erschossen. Er hatte Ladehemmung mit dem Revolver, und dann hat er ihn erschossen.“ Im Urteil des Landgerichts, das den Täter 1951 wegen Totschlags mit fünf Jahren Gefängnis bestrafte, wird der jüdische Jugendliche Timor genannt. Andere Häftlinge mussten seine Leiche in einen Bombentrichter werfen und mit Erde zuschütten. In der Rückschau von Fritz Gross war das einer derjenigen unbekannten neun Toten, die sein Vater später auf dem jüdischen Friedhof bestatten lassen wollte.

14. März 1945

Das Senkingwerk und der Rangierbahnhof werden bei einem Angriff zerstört. Otto Schmieder, ein Augenzeuge, notiert zeitnah in seinem Tagebuch: „Als wir die Römerringbrücke an Feierabend passierten, war dort ein Trupp Juden zum Entladen zerstörter Kartoffelwaggons eingesetzt. Sie schleppten die Kartoffeln in Säcken zur Brücke, wo sie in Lastautos verladen wurden. Mir taten die Menschen leid, aber ich bemerkte nicht, dass sie getrieben wurden.“

Nach den Bombenangriffen beschimpfen und verhöhnen auch Teile der Hildesheimer Bevölkerung die Gefangenen, als diese durch Hildesheim getrieben werden.

„Schlagt doch die Juden tot, die sind schuld an unserem Unglück.“

„Gib ihm noch eine. Der hat noch nicht genug, dieser Schwächling.“

Teilweise müssen nun gar die Wachmänner des Volkssturms die Gefangenen vor dem Hildesheimer Mob schützen.

22. März 1945

Der größte Bombenangriff auf Hildesheim zerstört mit der Innenstadt auch die Stadthalle. Dort sterben die zurückgebliebenen Kranken. Viele kommen um, weil sie durch die brennende Stadt zurück zur Stadthalle laufen. Die Überlebenden werden nach Ende des Angriffs wieder zusammengetrieben und zum Ufer der Innerste in der Nähe des Dammtors gebracht. Dort müssen sie unter freiem Himmel übernachten. Viele erfrieren. Einige werden vermutlich auf dem Hildesheimer „Jüdischen Friedhof“ begraben, bei der Gedenkstätte der „neun Unbekannten“, die Siegfried Gross 1946 stiftete.

25. März 1945

Aufbruch zu einem dreitägigen Todesmarsch nach Ahlem. Wer nicht mehr gehen kann, wird erschossen. In Ahlem müssen die Häftlinge die Asphaltstollen für die unterirdische Produktion von Flugzeugreifen durch die Continental AG ausbauen. Dafür haben sie oberirdisch Tag und Nacht Zement anzurühren und in die Stollen zu tragen.

6. April 1945

Todesmarsch nach Bergen-Belsen. Am 8. April kommen von den ehemals 500 Gefangenen 250 bis 300 dort an. Siegfried und Fritz Gross erkranken an Fleckfieber. Physisch werden der 1,66 Meter große 45-jährige Siegfried Gross, aber auch sein 21-jähriger Sohn am Ende gewesen sein. Dass sie das Inferno überstehen, stellt sich dem Sohn aus heutiger Sicht als purer Zufall dar. Erst drei Tage nach der Befreiung, am 18. April, können die ersten 500 Fleckfieberkranken in einem improvisierten Lazarett in der SS-Apotheke des Lagers behandelt werden.

8. Juli 1945

Siegfried und Fritz Gross werden entlassen. Gesund sie noch nicht. In der Wiedergutmachungsakte wird auf eine dreimalige Gelbsuchterkrankung von Siegfried Gross 1945/1946 hingewiesen.